„Ich setze auf persönlichen Kontakt.“

Ein Interview mit SPD-Bundestagskandidatin Cansel Kiziltepe über ihre Wahlaussichten, bezahlbare Mieten und ihre Tochter

Frau Kiziltepe, sind Sie mit dem bisherigen Verlauf des Wahlkampfes zufrieden?

Cansel Kiziltepe SPD

Ja. Die Rückmeldungen, die ich bekomme, sind sehr positiv. Die Menschen sind offen und freuen sich, wenn sie mich sehen. Wenn ich mit meinem Wahlkampfmobil, meinem roten Lastenfahrrad, im Wahlkreis unterwegs bin, sprechen sie mich an oder winken, wenn ich vorbeifahre. Ich werde wahrgenommen. Das freut mich. Auch die Späti-Tour, die ich gemacht habe, ist sehr gut angekommen. Meine direkten Konkurrenten hier im Wahlkreis habe ich auch schon mehrere Male bei Diskussionen getroffen und fand es sehr interessant zu sehen, wo die Gemeinsamkeiten liegen, und wichtiger noch: worin wir uns unterscheiden. Dabei ist mir aufgefallen, dass die sozialen Fragen, die für mich im Zentrum stehen, für den derzeitigen Wahlkreisabgeordneten Hans-Christian Ströbele keine zentrale Rolle spielen.

Welche Themen bewegen die Menschen in Friedrichshain, Kreuzberg und Prenzlauer Berg Ost besonders?

Die Themen entsprechen im Großen und Ganzen den Schwerpunkten des SPD-Regierungsprogramms. Es geht um bezahlbare Mieten, Löhne, von denen man leben und eine Familie ernähren kann, auskömmliche Renten und gute Bildung.

Die SPD hat Sie auf Platz 5 der Landesliste gesetzt. Da könnten Sie sich doch eigentlich gemütlich zurücklehnen.

Das sehe ich nicht so. Ich habe mich zwar sehr gefreut, dass meine Partei mir so viel Vertrauen entgegenbringt, aber im Bundestag bin ich damit noch lange nicht. Ich weiß, dass ich kämpfen muss, und genau das werde ich tun. Außerdem habe ich durchaus den Anspruch, den Wahlkreis 83 direkt zu gewinnen.

Die Umfragen sehen die SPD seit Monaten konstant zwischen 25 und 28 Prozent. Ist ein Regierungswechsel hin zu Rot-Grün da überhaupt realistisch?

Auf jeden Fall! Die Bundestagwahl ist noch lange nicht entschieden! Auch wenn die Umfrage-Institute uns ständig glauben machen wollen, es sei anders. Die letzten vier Wochen des Wahlkampfes sind die wichtigsten. Deshalb wird es entscheidend sein, wer seine Wähler mobilisiert und motiviert, am 22. September ins Wahllokal zu gehen.

Wie wollen Sie das anstellen?

Ich setze auf den persönlichen Kontakt zu den Wählerinnen und Wählern. Deshalb ziehen mein Team und ich im Wahlkreis von Tür zu Tür, um mich und meine Positionen vorzustellen. Wir haben bestimmte Bereiche ermittelt, in denen die SPD besonders großes Mobilisierungspotenzial bei den Nichtwählern hat. Hier sind wir verstärkt aktiv.

Die Bilanz nach vier Jahren Schwarz-Gelb ist verheerend. Trotzdem scheinen die Menschen mit Angela Merkel zufrieden zu sein. Was kann die SPD dagegen tun?

Es geht darum, Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen. Hier hatte die SPD in den vergangenen Jahren einige Probleme. Meiner Partei wird vorgeworfen, vieles falsch gemacht zu haben. Die Agenda 2010 steht symbolisch dafür. Ich denke, man kann durchaus Fehler machen. Wichtig ist aber, sie auch zuzugeben. Da war die SPD lange sehr zaghaft. Mit dem aktuellen Regierungsprogramm sagen wir jedoch ganz klar: Wir haben gelernt und werden vieles besser machen.

Welche Punkte sind aus Ihrer Sicht im Regierungsprogramm besonders gelungen?

Die SPD bekennt sich dazu, dass die Rente nicht immer weiter privatisiert wird, sondern staatliche Aufgabe ist. Der Arbeitsmarkt ist sozial unausgewogen. Jeder Vierte arbeitet für einen Niedriglohn. Die SPD wird dem durch die Eindämmung der Leiharbeit und die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns entgegenwirken. Und im Bildungsbereich wollen wir dafür sorgen, dass der Erfolg nicht von der sozialen Herkunft abhängig ist. Wir müssen das Aufstiegsversprechen für die junge Generation erneuern und endlich mit Leben füllen! Für Friedrichshain-Kreuzberg und Prenzlauer Berg Ost ist noch ein vierter Bereich sehr wichtig: Die SPD setzt sich dafür ein, dass die Mieten nicht weiter explodieren und die Menschen nicht weiter aus ihren Kiezen verdrängt werden.

Auf Fotos aus dem Wahlkampf taucht manchmal auch Ihre Tochter Ella auf. Ist sie eigentlich traurig, dass sie Sie in diesen Wochen so selten sieht?

Als ich mir überlegt habe, für den Bundestag zu kandidieren, haben meine Tochter und ich lange darüber gesprochen, was das für sie bedeutet. Ella versteht, dass Politik für mich wichtig ist und unterstützt mich sogar manchmal im Wahlkampf, auch wenn es nicht immer leicht für sie ist, auf mich zu verzichten. In den Wahlkampfspots, die seit kurzem auf meiner Internet- und meiner Facebook-Seite zu sehen sind, spielt sie übrigens mit. Die Dreharbeiten haben ihr viel Spaß gemacht.

 

Cansel Kiziltepe wurde 1975 als Tochter türkischer Einwanderer im Wrangelkiez geboren, machte ihr Abitur in Kreuzberg und studierte an der Technischen Universität Berlin Volkswirtschaftslehre. Sie leitete sieben Jahre das Bundestagsbüro des SPD-Abgeordneten Ottmar Schreiner. Seit 2012 arbeitet sie als Referentin im Stab des Arbeitsdirektors von Volkswagen. Cansel Kiziltepe ist verheiratet und hat eine Tochter. Weitere Informationen: www.cansel-kiziltepe.de