Das Yorckdreieck: Baumarkt oder Wohnquartier?

Es gibt keinen viel unangenehmeren Stadtraum in Berlin als die Yorckstraße unter den prominenten Yorckbrücken, die Nahtstelle zwischen den Bezirken Schöneberg und Kreuzberg. Zwischen Katzbach- und Bülowstraße toben sich gern rasende Autofahrer aus, der Lärm des intensiven Autoverkehrs wirkt unter den Brücken besonders laut. Die engen, holprigen Radwege oder der Zugang zur U-Bahn: erbärmlich. Am Fuß der Rampe zum Gleisdreieck-Park ist es fast unmöglich, die Straße zu überqueren. Unwirtlicher kann Stadt nicht sein.

Seit Jahrzehnten warten die Anwohner aus der Umgebung auf Verbesserungen. Immerhin: mittlerweile können sie sich des Parks auf dem Gleisdreieck erfreuen. 2012 wurde eine neue Beleuchtung unter den Yorckbrücken eingeweiht. Demnächst will vor den Yorckbrücken eines der städtebaulich anspruchsvollsten Vorhaben in Bau gehen: das Genossenschaftsprojekt Möckernkiez. Zeichen des Aufbruchs.

Zwischen den Yorckbrücken wurde endlich die von Autoschraubern umringte Tankstelle abgerissen. Doch anstatt hier zu überlegen, wie die Verbindung zwischen Kreuzberg und Schöneberg ein neuer lebendiger Stadtraum werden kann, plant das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg auf dem „Yorck-Dreieck“ gegenüber der Bautzener Straße seit Jahren einen großen Baumarkt mitsamt 225 Parkplätzen und großflächigen Werbeleuchten. Damit würde die dort kaputte Stadt für die nächsten Jahrzehnte nicht repariert, sondern weiter zerstört. Die Yorckstraße geriete hier für Fußgänger und Radfahrer zu einer Trogsituation, aus der Abgase und Lärm kaum noch entweichen können.

Da niemand für einen großflächigen Baumarkt mitten in der Stadt war, brauchte Bezirksbürgermeister Schulz (Grüne) ein zusätzliches Angebot, um das Projekt zu rechtfertigen. Als „Bonbon“ für Bürger und Politiker soll ein Sportplatz auf dem Hallendach entstehen.

Angesichts des Defizits an Sportflächen verfing diese Werbung für den Baumarkt lange Zeit. Aber nicht alle waren überzeugt. Bürger schrieben vor kurzem an die Parteien in Kreuzberg und Schöneberg: „Es ist skandalös, dass ein so wertvolles Gelände in zentraler gesamtstädtischer Lage und mit perfekter Anbindung an den ÖPNV für die Ansiedlung eines Baumarktes „ver“-nutzt werden soll. Das gilt um so mehr, als derzeit in Berlin eine intensive Diskussion über vermeintliche oder tatsächliche Wohnungsnot geführt wird.“

Dann stellte sich auch noch heraus, dass der Bezirk die Kosten für die Unterhaltung der Dach-Anlage tragen muss. Die SPD-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg erklärte nun Ende Januar, den Baumarkt abzulehnen. Auch wenn das Vorhaben früher kritischer hätte geprüft werden sollen und nicht erst am Ende eines langen Planungsprozesses, wolle man es nicht durchwinken. Der Baumarkt passe einfach nicht mehr in die Zeit, sei stadtentwicklungspolitisch nicht vertretbar, städte-baulich gesehen eine Fehlplanung und vor allem: nicht alternativlos. Auch die Piraten in der BVV fordern nun eine Umplanung des Hallenbaus und des Parkplatzes.

Die SPD legt nun ein Alternativkonzept für das immerhin 35.000 qm große Yorckdreieck vor: dort könnten entlang der lauten Yorckstraße Hotel- oder Dienstleistungsgebäude entstehen. Von der Straße somit abgeschirmt ließe sich eine aufgelockerte Wohnbebauung errichten. Bis zu 300 Wohnungen wären möglich. Mit einer für 2014 zu erwartenden Wohnungsbauförderung ließen sich dort auch preiswerte Neubauwohnungen realisieren. Die Höhe der Bauten und andere Details der Planung wären zu prüfen, die Lärmbelastung von den S-Bahntrassen aber in den Griff zu bekommen. Am Ausgang des U-Bahnhofs Yorckstraße wird ein kleiner Stadtplatz vorgeschlagen, der dem unattraktiven Stadtraum an der Straße zu neuer Qualität verhelfen kann.

Die Einwohnerzahl von Friedrichshain-Kreuzberg soll in den nächsten Jahren stark ansteigen. Wohnungsneubau (als Entlastungseffekt für den angespannten Wohnungsmarkt) und Folgeeinrichtungen stehen auf der Tagesordnung – und nicht Baumärkte. Der Grund­stückseigentümer könnte neue Planungsziele verschmerzen: Durch Wohnungsbau würde sich der Grundstückswert verdoppeln.

Durch mehrere S- und U-Bahnlinien bestens erschlossen, mit einem großzügigen Park vor der Haustür ergibt sich mit einem neuen kleinen Wohnquartier die Chance für einen viel attraktiveren Stadtraum an der Grenze von Schöneberg und Kreuzberg. Positive Impulse für die Quartiersentwicklung, die man sich vom Projekt „Möckern-Kiez“ verspricht, könnten auf dem Yorckdreieck eine Fortsetzung finden. Der Lärmschutz wegen Bahnverkehr und Yorckstraße wäre lösbar.

Wohnquartier Zürich Hauptbahnhof - ein Vorbild für das Yorckdreieck?

Mögliche Wohnbebauung am Yorckdreieck

Das Züricher Beispiel, zur Veranschaulichung übertragen auf das Yorckdreieck, sähe etwa so aus. An der lauten Yorckstraße Gewerbe, dahinter Wohnungsbau - Dichte und Gebäudehöhen ließen sich reduzieren.

Es wäre dringend eine Änderung der Planungsziele für das B-Plan-Verfahren nötig durch BVV-Beschlüsse – zumindest der Erlass einer Veränderungssperre, um Zeit zum Nachdenken zu gewinnen. Schadensersatzansprüche sind nicht zu befürchten, weil der B-Plan noch nicht beschlossen wurde.


Für einen Baumarkt einen Standort für Wohnen und Dienstleistung vergeuden? – Das kann es doch nicht sein! Das alles muss Thema der Einwohnerversammlung sein. Machen wir es dazu!

Einladung zur Einwohner/innenversammlung zum Bauvorhaben „Baumarkt Yorckdreieck“

Die Einwohner/innenversammlung wird gemeinsam von den Bezirksverordnetenversammlungen Tempelhof-Schöneberg und Friedrichshain-Kreuzberg durchgeführt.
Termin: 12. Februar 2013, 19 bis 22 Uhr
im Mensa-Haus 2 der Havelland-Grundschule, Kolonnenstraße 30-30a, 10829 Berlin
Der Zugang ist barrierefrei.